"Still Patient?" über Zeitgeist und Weltschmerz




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„Still Patient?“ feiern dieses Jahr ihr 30. Bandjubiläum und haben am 18. Mai 2018 ihr neues Studioalbum auf dem Wave-Gotik-Treffen in Leipzig veröffentlicht. Ich hatte das Vergnügen, ein bisschen mit Sänger Andy zu plaudern. Für mich persönlich ist das etwas sehr Besonderes, da ich ebenfalls 30 Jahre alt werde, „Still Patient?“ seit Langem begeistert höre und Andy außerdem ein sehr cooler Typ ist, mit dem man sich stundenlang unterhalten und philosophieren kann.

Jan: Ihr feiert dieses Jahr euer 30-jähriges Bandjubiläum. Ganz klischeehafte Frage zu Beginn: Wie habt ihr euch damals eigentlich kennengelernt und seid dann auf die Idee gekommen, eine Band zu gründen?

 
Andy: Der Geburtsort von Still Patient? war die "Goldene Krone" in Darmstadt im Jahre 1988. Dort traf ich durch Zufall unseren damaligen Gitarristen Th. Kraniny, der ebenso wie ich bis dahin noch kein Instrument in der Hand gehalten hatte. Wir beschlossen, eine Band zu gründen, da wir den gleichen Musikgeschmack teilten, und uns fragten, wie lange wir noch geduldig sein müssen, bis unsere damaligen Helden des Genres wieder neue Musik herausbringen würden. Daraus entstand dann auch der eher ungewöhnliche Bandname.

J: Ich hatte die Ehre, bereits vor der Veröffentlichung in euer neues Album "Zeitgeist Weltschmerz" hineinzuhören. Ich bin verdammt beeindruckt, denn das ist purer Goth-Rock, der klanglich absolut zeitlos ist und richtig gut in meinen Gehörgängen kracht. Eines der besten Alben des Genres, das ich persönlich je gehört habe. Was ist das Konzept, das hinter diesem Album steckt?

A: Um ehrlich zu sein, haben wir kein inhaltliches oder musikalisches Konzept. Wir schreiben Songs so, wie sie passieren. Es gibt keinen roten Faden, der durch das Album führt. Auch in den vorherigen Alben gab es das nicht. Es wäre sicher interessant, ein konzeptionelles Album zu schreiben, aber das schränkt dann auch oft den Fluss ein, denn nicht jeder Song passt zu jedem textlichen Inhalt.
Wenn es ein Konzept gibt, welches wir verfolgen, dann ist es, dass wir versuchen, so aktuell wie möglich zu klingen. Uns war es äußerst wichtig - die vorherigen Veröffentlichungen vor dem Break 1999 natürlich im Hinterkopf - einen Schritt nach vorne zu gehen. Wir alle haben uns musikalisch entwickelt und es würde uns sehr schwer fallen, den Sound der 90er Jahre wieder aufleben zu lassen. Ich denke, das hört man ganz deutlich bei allen Veröffentlichungen ab dem Neuanfang 2013.


J:
Der Albumtitel klingt zunächst sehr deutschsprachig, das ist erstmal etwas verwunderlich, da eure Texte gewöhnlicherweise in englischer Sprache verfasst sind. "Zeitgeist" und "Weltschmerz" sind jedoch auch englischsprachige Begriffe und passen wunderbar in die heutige Zeit. Und gleichzeitig sind die 80er so nah, was allerdings seltsamerweise nur wenige merken. Die Musik auf dem Album untermalt dies jedoch sehr gut. Sehe ich den Zusammenhang richtig?

A: Die Reminiszenz an die 80er war nicht wirklich beabsichtigt, es wird mir aber bei genauerem Nachdenken mehr und mehr bewusst. Damals gab es noch viele Ängste, die wir heute nicht mehr so in der Form kennen, aber uns beherrschen andere Themen. Die heutigen Ängste gründen sich oft auf von langer Hand geplante Hysterie. Angst kontrolliert die Menschen heutzutage mehr als je zuvor in der modernden Welt. Man hat das Gefühl, es geht zurück ins Mittelalter, wo schon ein Gerücht den Mob dazu brachte, eine unschuldige Person auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen. Keiner hinterfragt mehr die vorgegaukelte Wahrheit. Die Technologie erlaubt es, Wahrheiten zu erschaffen, die nicht von Lügen zu unterscheiden sind. Das ist unser neuer Zeitgeist Weltschmerz.

J: 2013 habt ihr nach einer längeren Pause wieder zusammengefunden. Einer eurer ersten Auftritte nach der Reunion war im August auf dem Karlsruher Gothic Treffen, an das ich mich noch ziemlich gut erinnern kann. Euer Auftritt hat sich auf vielfache Weise von den anderen Künstlern unterschieden. Woher nehmt ihr bloß diese unglaubliche Power, die jede Bühne, egal welcher Größenordnung in eine klangliche Leinwand verwandelt und keinerlei besondere Effekte wie Kunstnebel etc. benötigt?

A: An den besagten Auftritt können wie uns alle recht gut erinnern. Ich glaube, da waren um die 45 Grad in der Halle!

Wir haben einfach enormen Spaß an dem, was wir machen. Wir schöpfen unsere Kraft und unseren Antrieb aus dem täglichen Feedback, welches uns auf den verschiedensten Kanälen erreicht. Aber auch hier denken wir nicht darüber nach - es passiert einfach. Wir sind, was unsere Optik betrifft, eher oldschool und lassen die Musik sprechen. Viele Bands versuchen, neben der Musik noch ein visuelles Image aufzubauen. Daran sind wir weniger interessiert, obwohl es vielleicht manchmal verkaufsfördernd wäre.

J: Auf eurem neuen Album gibt es eine wunderbare Hommage an "Metropolis" von der Mannheimer Band "Schwefel". Der Song passt sehr gut auf die neue Scheibe. Was war der Auslöser, genau diesen Song zu vertonen?

A: Der eigentliche Auslöser war tragischerweise 2016 der Tod von Norbert Schwefel. Wir hatten kurz darauf einen Auftritt in Mannheim, seiner Heimatstadt, und wollten uns mit unserer Version vor ihm verbeugen. Viele kennen das Stück von einem der ersten Zillo Sampler und auch ich bin seit damals ein großer Fan davon. Über die letzten Jahre war es immer wieder auf meinen eigenen Musikzusammenstellungen zu finden - ein großartiger und zeitloser Song.
Nachdem wir das Stück dann in Mannheim gespielt hatten, war die Resonanz so groß, dass wir beschlossen, es weiter im Programm zu behalten.
Als dann wiederholt der Wunsch kam, das Lied auch auf dem neuen Album zu finden, nahm ich Kontakt
zum ehemaligen Schwefel-Saxophonisten Horacz Bluminth auf, der sofort von der Idee begeistert war und sein Mitwirken anbot. So war für uns die entscheidende Hürde genommen. Auch die Hinterbliebenen von Norbert Schwefel gaben uns grünes Licht und somit konnten wir das Stück auf dem neuen Album veröffentlichen. Und nachdem wir von allen Seiten nur positive Resonanz bekommen haben, sind wir sehr stolz auf unsere Tribute Version.

J: Ihr habt für euren Song "The Ghosts Of Tides" ein Musikvideo gezaubert, das an der Küste in Dover gedreht wurde. Die Landschaft ist eine wunderbar atmosphärische Kulisse für diesen Clip. Wie kam es dazu, dass ihr ausgerechnet diesen Ort gewählt habt?

A: Wir hatten im April ein Konzert in England und sind noch einige Tage länger dort geblieben, um uns das Land noch etwas anzuschauen. Kurz vorher kam mir die Idee, dass es dort eventuell auch geeignete Orte geben könnte, die für ein Musikvideo interessant wären. Wir haben zu dem genannten Song auch in einem Londoner Park Aufnahmen gemacht, die allerdings nicht verwendet wurden, denn unser großer Wunsch war es, kurz vor der Überfahrt zum Festland in Dover einen Stopp einzulegen, um an der Küste am Samphire Hoe zu filmen. Das klappte auch tatsächlich und wir konnten mithilfe eines Handys und mehrerer Actioncams dieses Video drehen.
Es bedarf nicht immer eines großen Budgets und professionellen Equipments, um interessante Videos zu drehen - die Idee ist wichtiger. Ich sehe da das Künstlerische eher im Vordergrund und finde es sehr interessant, unsere Musik auch visuell zu präsentieren.

J: Was inspiriert euch zu den Themen eurer Songs? Sind es persönliche Erfahrungen, historische Ereignisse oder auch literarische bzw. filmische Einflüsse?

A: Von jedem etwas. Es gibt keine speziellen Themen, alles fließt mit ein. Am ehesten sind es allerdings die Themen, die mich umgeben. Den Song "Hell And Back"  zum Beispiel habe ich für meinen Sohn geschrieben, der einen etwas holprigen Start ins Leben hatte, "The Last Chime" ist so etwas wie meine Midlife-Crisis-Hymne. "In The Name" handelt von religiös motiviertem Wahnsinn und "The Ghosts Of Tides" von den Geistern der Vergangenheit, die immer dann herangespült werden, wenn man sie nicht erwartet.

J: Abgesehen von diesem kleinen Interview durfte ich auch eine Bandillustration für euch anfertigen. Gibt es eigentlich bestimmte bildende Künstler oder sogar Comiczeichner, die ihr mögt und die indirekt Einfluss
auf eure Werke haben?

A: Ich mag dich! Im Ernst, ich finde deine Arbeiten sehr gut.

J: Danke, das ehrt mich sehr!

A: Früher war die Kunst von HR Giger für mich, wie auch für unzählige Andere, ein Erlebnis auf vielen Ebenen. Und es gibt verschiedene Videokünstler, deren Arbeit ich sehr schätze, die aber qualitativ sehr weit entfernt sind von dem, was ich bewerkstelligen kann. Ich würde sehr gerne mit anderen Künstlern in dem Bereich zusammenarbeiten. Im Internet gibt es einige Kurzfilme, die ich sehr inspirierend finde, und gerne mit unserer Musik unterlegen würde. Vielleicht ergibt sich ja mal eine fruchtbare Zusammenarbeit.

J: Vielen Dank für das tolle Gespräch mit dir, ich wünsche euch ein tolles Bandjubiläum und noch sehr viele weitere kreative Jahre!




Meine persönlichen Lieblingssongs des neuen Albums "Zeitgeist Weltschmerz":
-  The Man
-  Metropolis (Schwefel Tribute)
-  Breathe II
-  Gimme Tears

Andy Koa - Gesang
Guido - Bass
Bec Kes - Gitarren
Pogue-o - Gitarren

www.stillpatient.de

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